Alexander Gerst: Nachricht an meine Enkelkinder

Der 1976 in Künzelsau geborene Geophysiker, Vulkanologe, Kosmonaut und Astronaut, Alexander Gerst, dessen bereits zweite Raumfahrtmission auf der Internationalen Raumstation ISS nach 6,5 Monaten im All, drei davon als Kommandant der ISS, gerade zu Ende ging, hat eine sehr emotionale und nachdenklich machende Botschaft an seine Enkelkinder gerichtet. Von 7,5 Milliarden Menschen, die aktuell auf unserem Planeten Erde leben, haben bisher nur ca. 500 Menschen ihren Heimatplaneten verlassen und sind in Richtung Unendlichkeit gestartet. Natürlich ist der 400-km-Orbit, auf dem die ISS die Erde umkreist, nicht mal eine Haaresbreite im Maßstab des schier unendlich erscheinenden Universums. Doch es ist genau dieser Abstand, der eine Draufsicht auf unseren Planeten ermöglicht. Weit genug, um sie als Ganzes, als eine von Menschen, Flora und Fauna besiedelte Erdkugel zu begreifen, nah genug, um die, vor allem von uns Menschen gemachten, Auswirkungen eben dieser Besiedlung zu sehen und wahrzunehmen. Alexander Gerst scheint der richtige Kopf zu sein, der alle Sinne besitzt, um die Einmaligkeit unserer Erde zu begreifen und auf ihre Verletzlichkeit hinzuweisen. Seine Nachricht richtet sich an die Enkelkinder. Gleichzeitig könnte es eine Botschaft sein an das Gewissen der Menschheit. Ein Appell, dass wir uns auf uns selbst besinnen, auf Kriege verzichten und Mensch und Natur schätzen und wertschätzen lernen.

Ich möchte Dir, lieber Alexander Gerst, für diese einmalige und gleichsam wunderbare Botschaft im Namen der Menschheit, im Namen der Pflanzen und der Tiere unseres Planeten Erde danken. Es mögen sich möglichst viele Menschen auf der Welt Deine Botschaft anhören und wir alle mögen die Hoffnung nicht aufgeben, aus unserer Welt sowohl auf der globalen als auch auf der menschlichen und individuellen Ebene eine bessere zu machen. Alles Gute, Menschheit!

„Liebe Enkelkinder,

Ihr seid noch nicht auf der Welt
und ich weiß nicht, ob ich Euch jemals treffen werde.
Deswegen habe ich beschlossen, Euch diese Nachricht hier aufzuzeichnen.
Ich befinde mich gerade auf der Internationalen Raumstation
im Cupola Aussichtsmodul und schaue auf Euren wunderschönen Planeten runter. Und obwohl ich bis jetzt schon fast ein Jahr im All verbracht habe und an jedem einzelnen Tag da runtergeschaut habe, kann ich mich einfach nicht daran satt sehen.

Ich weiß, es hört sich für Euch vermutlich komisch an,
aber zu der Zeit, als die ISS gebaut wurde,
und hier oben im Orbit war,
konnte noch nicht jeder Mensch
in den Weltraum reisen
und die Erde von außen sehen.

Vor mir waren es gerade mal um die 500 Menschen.
Und im Moment leben da unten 7 Milliarden Menschen
auf diesem Planeten und nur drei einzelne davon leben im Weltraum.

Und wenn ich so auf den Planeten runter schau,
dann denke ich, dass ich mich bei Euch wohl leider entschuldigen muss.
Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation,
Euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.

Im Nachhinein sagen natürlich immer viele Leute,
sie hätten davon nichts gewusst.
Aber in Wirklichkeit ist es uns Menschen schon sehr klar,
dass wir im Moment den Planeten mit Kohlendioxid verpesten,
dass wir das Klima zum Kippen bringen,
dass wir Wälder roden
dass wir die Meere mit Müll verschmutzen,
dass wir die limitierten Ressourcen viel zu schnell verbrauchen,
und dass wir zum Großteil sinnlose Kriege führen.

Und jeder von uns muss sich da natürlich an die eigene Nase fassen,
und sich überlegen, wohin das gerade führt.
Ich hoffe sehr für Euch, dass wir noch die Kurve kriegen
und ein paar Dinge verbessern können
und ich würde mir wünschen, dass wir nicht bei Euch
als die Generation in Erinnerung bleiben,
die Eure Lebensgrundlage egoistisch und rücksichtslos zerstört hat.

Ich bin mir sicher, dass Ihr die Dinge inzwischen
sehr viel besser versteht, als meine Generation,
und wer weiß, vielleicht lernen wir ja auch noch was dazu.

Dass ein Blick von außen immer hilft,
dass dieses zerbrechliche Raumschiff Erde
sehr viel kleiner ist,
als die allermeisten Menschen sich das vorstellen können,
wie zerbrechlich seine Biosphäre ist,
und wie limitiert seine Ressourcen,
dass es sich lohnt, mit seinen Nachbarn gut aus zu kommen,
dass Träume wertvoller sind als Geld,
und dass man ihnen eine Chance geben muss.

Dass Jungen und Mädchen Dinge genauso gut können,
aber dass doch jeder von Euch eine Sache hat,
die er besser kann, als alle anderen,
dass die einfachen Erklärungen oft die falschen sind,
und dass die eigene Sichtweise eigentlich
immer unvollständig ist.
Dass die Zukunft wichtiger ist, als die Vergangenheit,
und dass man niemals ganz erwachsen werden soll,
dass Gelegenheiten immer nur einmal kommen,
und dass man für Dinge, die es wert sind,
auch mal ein Risiko eingehen muss.

Dass ein Tag, an dem man was Neues entdeckt hat,
über seinen Horizont hinaus geschaut hat,
ein guter Tag ist.

Ich wünschte mir, ich könnte durch Eure Augen in die Zukunft schauen,
in Eure Welt, und wie Ihr sie seht.
Das geht leider nicht. Deswegen ist das Einzige, was mir bleibt,
zu versuchen, Eure Zukunft möglich zu machen,
und zwar die beste, die ich mir vorstellen kann.

Internationale Raumstation

Kommandant der Expedition 57
Alexander Gerst
25. November 2018
400 km über der Erdoberfläche“

 

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