Das deutsch-konservative Politik-Wirtschaft-Verhältnis

Die Stärke der Konservativen liegt im Bewahren

Konservative Politiker neigen dazu, ihre Unterstützung anzubieten bei der Bewahrung traditioneller Paradigmen von Konzernen. Nicht dass es schlecht wäre, starke Unternehmen im eigenen Land zu haben. Im Gegenteil. Wirtschaftskraft und Wohlstand bedingen einander. Aber was ist, wenn nachhaltige Interessen von Verbrauchern und der Gesellschaft als Ganzes beschnitten oder nicht wirklich verfolgt werden? Dann haben wir das deutsch-konservative Politik-Wirtschaft-Verhältnis.

Pharmaindustrie: Gut verdienen, bedächtig weiter entwickeln

Schauen wir uns die Pharmaindustrie an. Und hier den Sektor der Diabetestherapie. Kaum eine Krankheit dürfte so gut erforscht sein wie der Diabetes. Welche Hormone wirken. Welche gegenwirken. Insulin und Glukagon. Was bei Diabetes Typ 1 und Typ 2 fehlt, was ersetzt werden muss. Welche Rolle die Bewegung spielt (gerade bei Typ 2). Vor bereits knapp 100 Jahren, 1921, gelang es Frederick Banting und Charles Best erstmals, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes zu extrahieren. Das war die Grundlage für die Therapie und das am Leben Halten von Typ-1-Patienten. Über die Jahrzehnte hinweg hat die Pharmaindustrie eine millionenfache Teststreifenindustrie entwickelt. Was am Anfang selbstverständlich ein großer Fortschritt war, nämlich den Blutzucker in kurzer Zeit präzise bestimmen zu können (versus Feststellung einer Hyperglykämie über den Urin), entwickelte sich im Laufe der Zeit wohl zu einer sich selbst und den Diabetes erhaltenden Messindustrie. Die Gewinnmargen pro Teststreifen dürften ziemlich hoch gewesen sein, und das Geschäft läuft selbst heute noch ganz gut, auch wenn alternative Technologien wie Glukosesensoren den Markt erobern. Der Pharmaindustrie, leider auch in Kooperation mit der Ärzteschaft, ist es gelungen, dem Patienten das Märchen von der Unheilbarkeit des Diabetes (insbesondere Typ 1) zu vermitteln. Was unter heute langjährigen Diabetikern sogar dazu geführt hat, dass sie gar nicht mehr geheilt werden „wollen“, dass manche sich sogar das „Diabetes Typ 1“ haben auf ihren Arm tätowieren lassen (sic!). Gute Arbeit, liebe Pharmaindustrie! Klar, ewig wird das so nicht weiter gehen, irgendwann müsst auch Ihr Euch von den – inzwischen – traditionellen Cashcows verabschieden. Und bitte kommt mir nicht damit, dass viele in der Pharmaindustrie ihre Arbeit verlieren, wenn sich tatsächlich neue, smarte Technologien durchsetzen werden wie der Bioreaktor (TV-Beitrag verfügbar bis 02.11.18), an dem aktuell in Dresden an der Uniklinik geforscht wird.

Automobilindustrie: Spitzentechnologie ist irgendwann nicht mehr spitze

Die deutschen Autobauer dürften weltweit spitze sein auf dem Gebiet der Verbrennungsmotoren. Dass es bereits 1881 das erste Elektromobil gab, geriet für lange Zeit in Vergessenheit. Natürlich, die gerade aufkommende Ölindustrie eröffnete aus damaliger Sicht andere Möglichkeiten. Heute dürften (sollten!) wir ein bisschen weiter sein. Seit ca. zwei Jahrzehnten rückt der von Menschenhand gemachte Klimawandel immer stärker in den Fokus. Es geht um eine globale Temperaturerhöhung und den Anstieg des Meeresspiegels. Doch die deutsche Automobilindustrie wollte von Elektromobilität lange Zeit gar nichts wissen. Gründe fanden sich immer genug: Zu kurze Reichweiten aufgrund von zu geringen Stromspeicherkapazitäten, das Fehlen einer Infrastruktur von Ladestationen, der Erhalt von Arbeitsplätzen. Es sind genau jene Aspekte, die man nach außen beklagt, und über die man sich innerlich freut. Denn das bedeutet, dass man die aktuellen Cashcows, sollten sie auch noch so sehr stinken und lärmen, noch möglichst lange weiter melken kann. Im selben Fahrwasser äußerte sich kürzlich VW-Markenvorstand Herbert Diess im deutschen TV-Talk: „Den Diesel wird es noch lange geben, denn die Regenerativen Energien sind in Deutschland noch nicht so weit ausgebaut, um eine nachhaltige Elektromobilität betreiben zu können“. Die Gelegenheit, an prominenter Stelle und in prominenter Person für den Ausbau der Regenerativen Energien zu werben, verpasst Herbert Diess.

Regenerative Energien: Oder lieber doch noch ein paar Jahre Kohlenstaub?

Wenn ich heute an einer normal frequentierten Ampelkreuzung in Karlsruhe über die Straße gehe, frage ich mich, wo die ganzen, von der Autoindustrie proklamierten schadstoffarmen Fahrzeuge sind. Also ich bekomme da eher Kopfschmerzen. Inverse Wetterlagen, wie wir sie in der Baden-Metropole vor allem im Herbst und im Winter häufig haben, intensivieren das Erlebnis der Umweltverschmutzung. Brauchen wir denn tatsächlich noch die Nutzung fossiler Brennstoffe, was ist mit dem Erhalt von Kohlekraftwerken, was mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien? In Deutschland gibt es heute schon Tage, an denen benötigte Energiemix fast ausschließlich aus Erneuerbaren Energien besteht. Bei Einschluss aller Energiearten entstehen teilweise Überkapazitäten an Strom, die Deutschland ins Ausland exportiert. Nach Auswertung der Daten der letzten 20 Jahre bezüglich Windkraft und Sonnenenergie kam der Deutsche Wetterdienst kürzlich zu der Schlussfolgerung: Es bleiben statistisch gerechnet vier Tage im Jahr in Deutschland, an denen Wind und Solarenergie nicht ausreichen. Ist das nicht eine bemerkenswerte, ja wunderbare Erkenntnis, nachdem Wirtschaftsbosse und Politiker wie Diess, Lindner, Seehofer, Dobrindt & Co zuvor schon einiges unternommen hatten, um die Energiewende in Deutschland zum Vorteil der Kohleindustrie und der tradierten Automobilindustrie ad absurdum zu reden?! Dass die Energiewende kein Selbstläufer ist, ist klar. Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin beschreibt im von Tim Pritlove geführten Interview beim Podcast Forschergeist den notwendigen aber machbaren steinigen Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung. Und zwar ab 2025. Womit er sogar noch grüner als die Grünen ist!

Lebensmittelindustrie: Sugar as sugar can do!

Neben Fett, Salz, weiteren Geschmacksträgern und Zusatzstoffen dürfte Zucker zu den effizientesten und effektivsten Verkaufsbeschleunigern gehören. Natürlich, wir alle wollen uns nicht nur gesund ernähren, sondern es soll ja auch schmecken. Zucker ist einer Vielzahl von Lebensmitteln und Fertigprodukten beigesetzt, so dass wir es oft schon als geschmacklich lückenhaft empfinden dürften, wenn Zucker fehlt. Auch Früchte und somit bspw. Fruchtsäfte wie der allseits bekannte und beliebte „O-Saft“ enthalten große Mengen an Zucker. Der dortige Fruchtzucker kommt allerdings wenigstens in Begleitung von Vitaminen und Mineralstoffen. So enthält eine Orange ca. 80 mg an Vitamin C, der minimale Tagesbedarf an diesem Vitamin wäre damit gedeckt, und man bekommt keinesfalls Skorbut, so wie es früher bei ausfallenden Zähnen die Seefahrer bekamen, ehe sie das Sauerkraut entdeckten. Weitere Vitamine wie A, E, B(x), Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium und Magnesium sowie Spurenelemente sind enthalten. Jetzt vergleichen wir das mal mit industriell hergestelltem Zucker. Vitamine: 0, Mineralstoffe: 0, Spurenelemente: 0.

Nun gibt es in Deutschland die Idee, für Lebensmittel eine Nährwert-Ampel einzuführen. Unterstützt wird das Vorhaben von einem Verein, der sich für Verbraucherrechte auf dem Gebiet der Nahrungsmittel einsetzt, foodwatch. Die Intention dahinter ist, Verbraucher auf „versteckte“ Zusatzstoffe oder Geschmacksträger wie Zucker und Fett hinzuweisen. Und jetzt kommen wieder die konservativen Kräfte des Landes ins Spiel. Unsere frisch gebackene Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (!), Julia Klöckner, hält nichts von der Einführung einer Ampel. Sie stellt sich somit auf die Seite der Lebensmittelindustrie, die – wahrscheinlich nicht ganz unberechtigt – Einbußen aufgrund der erwogenen Etikettierung und Aufklärung befürchtet. Die Begründung der Ministerin: Ein natürlicher O-Saft würde bei einer solchen Ampel aufgrund des hohen Fruchtzuckergehaltes ein „rot“ erhalten, während eine „Limonade light“ ein „grün bekäme. An derartigen Äußerungen erkennt man, dass Julia Klöckner den Sinn einer Lebensmittel-Ampel noch nicht verstanden hat – oder bewusst eine Falschinterpretation in die Welt setzt, um weiterhin die Lebensmittelindustrie, die raffinierten Zucker oft ohne Maß zum Einsatz bringt, zu protegieren. Ich persönlich kann mir sehr gut eine „Ampel“ vorstellen, die dann freilich auch unterscheiden sollte zwischen natürlichen Inhaltsstoffen und Zusatzstoffen.

Wie bei den zuvor angesprochenen Industrien ist auch hier die Frage, ob man tatsächlich etwas bewegen und verändern will in Richtung Interessen und Bedürfnisse der Verbraucher und einer zukunftsorientierten Entwicklung der Gesellschaft. Nicht ganz unabhängig davon: Wie konservativ ist das deutsche verbrauchende aber auch wählende Volk selbst? Will es überhaupt Veränderungen oder fährt man mit der nicht mehr zu übersehenden „Bewahrerkultur“ am Besten?

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