Das RKI und der Verlust der Wissenschaftskommunikation

Es geht um Vertrauen

Wenn man dem Volke die Vertrauensfrage stellt, dann gibt es ein Spannungsfeld zwischen zwei Polen. Der eine Pol besagt, dass Menschen nichts und niemanden glauben. Der andere, dass Menschen alles allen glauben.

Das RKI als Zielobjekt für Diskreditierungen

Im Kontext der Corona-Pandemie musste sich das Robert Koch Institut (RKI) sicher so einiges anhören. Nicht nur die vielen und höchst diversen Fragestellungen seriöser Journalisten und Journalistinnen, sondern auch Verfluchungen von Menschen und Menschengruppen, die dem RKI unterstellten, falsche Zahlen in Bezug auf Neuinfektionen und Sterbefällen bzgl. des Coronavirus zu veröffentlichen. Ebenso wurden dem RKI wie auch Virologen wie Prof. Christian Drosten finanzielle oder ideologische Abhängigen vorgeworfen.

Meinungspluralismus versus Morddrohungen

In einem freien und demokratischen Land wie Deutschland sind Meinungspluralismus und kontrovers geführte Debatten quasi systemimmanenter Bestandteil. Doch wenn Institutionen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit aller Macht diskreditiert werden und man renommierten Experten wie Christian Drosten nach dem Leben trachtet, dann ist nicht nur das Ende aller fruchtbaren Diskussionen erreicht, sondern man überschreitet explizit die Grenzen der eigenen Freiheit. Nämlich dort, wo man versucht, die Freiheit anderer Menschen zu geißeln.

Krisen als Nährboden für Verschwörungstheorien

In Zeiten von Krisen haben Verschwörungstheorien und Verschwörungstheoretiker*innen Hochkonjunktur. Zur Zeit des Nationalsozialismus in den 30er bis Mitte 40er Jahren des 20. Jahrhunderts machte man die Juden aus als Sündenböcke für Finanzkrisen, für ungleich verteilten Reichtum, für die Beschneidung der eigenen „Reinheit“. Heute sind es Experten und Expertinnen auf solchen nachgefragten Gebieten wie der Virologie, Mikrobiologie und Epidemiologie, deren Job und Kompetenz sich Hobby-Virologen mal eben „zu eigen machen“ und mit erhaben daher kommender Selbstsicherheit sowohl die Geschichte („Wir hätten es auch ohne Lockdown geschafft“) als auch die Zukunft der Pandemie-Entwicklung vorhersagen.

Die vorerst letzten Pressekonferenz des RKI

In seiner aktuellen Pressekonferenz vom 7.5.2020 gibt das Robert Koch Institut bekannt, dass es fortan keine regelmäßigen Pressekonferenzen mehr geben wird. Während über den gesamten Q-and-A-Appendix der PK hinweg höchst spannende Fragen sowie sehr aufschlussreiche Antworten formuliert und gegeben werden, stellt gefühlt ein halbes Dutzend der Medienvertreter dem Gesandten des RKI, Lars Schaade, seines Zeichens Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, die Frage, warum ausgerechnet jetzt, da sich laut eigenen Aussage des RKI die Pandemie doch erst am Anfang befände, die regelmäßigen Pressekonferenzen ausgesetzt werden. Und ob das ein Signal dafür wäre, dass wir uns faktisch nun doch am Ende der Pandemie befänden. Lars Schaade wiegelt ab in seiner Antwort. Es wäre ein längerfristiges Geschehen. Aber sollte es bspw. zu einer zweiten Welle kommen, können man die PKs ja wieder einführen.

Professionelle Wissenschaftskommunikation gerade jetzt gefragt

Wenn eine bereits überdurchschnittlich erfolgreiche Wissenschaftskommunikation abrupt endet, dann liefert das RKI ein Indiz dafür. Warum denn das? Wie kann es sein? Ist man nun gerade dabei, eine der Chancen, die sich neben aller Zerstörung durch das Eintreten der Corona-Pandemie, zu verschenken? Haben uns die Pandemie und die dadurch induzierten fragenden Augen von Millionen Bürgerinnen und Bürgern nicht gezeigt, wie wichtig eine umfangreiche und balancierte Wissenschaftskommunikation ist? Ich schließe mich der Frage einer Journalistin auf der heutigen – vermeintlich vorerst letzten – Pressekonferenz an: Wäre es nicht möglich, dass das RKI die Entscheidung, die regelmäßigen PKs auszusetzen, wieder rückgängig macht? Oder, so führe ich in eigenen Gedanken fort: Sollten wir Hobby-Virologen und Verschwörungstheoretikern das Feld überlassen und uns somit möglicherweise auf eine destruktive oder kontraproduktiv verharmlosende bis hysterische oder dystopische Argumentationsführung ver-lassen?

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